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Die Wiesen-Verschwörung


Henriette Hase

„So ein Mist, dass ausgerechnet heute Nils nicht da ist!“, murmelte Henriette Hase leise vor sich hin, während sie vorsichtig einen Bogen um eine größere Ansammlung von Sumpf-Kratzdisteln machte.
Henriette fand es ziemlich beschwerlich, sich ihren Weg durch das hohe Gras einer großen Wiese zu bahnen. Sie lief auch schon seit einer Viertelstunde immerzu hin und her. Bevor sie die Suche begonnen hatte, hatte sie sich ausgerechnet, wie oft sie hin und her gehen musste, um ihren Suchbereich vollständig abzusuchen. Dreißig Mal. Und sie hatte erst die Hälfte davon geschafft, war aber schon total müde. Henriette suchte nach ihrem Freund Ferdinand Fischadler. Genau wie Frieda Fuchs, Lasse Laubfrosch und Igor Igel in ihren Suchbereichen. Nils Nachtpfauenauge war an diesem Tag ausnahmsweise verreist. Auf Klassenfahrt an der Nordsee. Sonst hätte Nils sicherlich aus der Luft gesucht und Ferdinand viel schneller gefunden, als die vier Freunde zu Fuß. Aber ausgerechnet heute war Ferdinand beim Fliegen einfach abgestürzt und war im hohen Gras der Wiese verschwunden. Auf das Rufen seiner vier Freunde hatten diese keine Antwort erhalten. Jetzt machten sie sich Sorgen, dass Ferdinand sich verletzt hatte, und wollten ihn schnell finden. Aber das Gras und die Blumen auf der Wiese waren so hoch gewachsen, dass man kaum mehr als ein paar Schritte weit hindurchsehen konnte. Henriette steckte mitten in einem grünen Dschungel.
„Ich muss eine Pause machen. Es hilft alles nichts!“, schnaufte Henriette. „Sonst schaffe ich meinen Suchquadranten gar nicht fertig abzulaufen. Nur fünf Minuten.“
Henriette suchte sich eine Stelle, an der die Disteln sie nicht stechen konnten und ließ sich ins Gras plumpsen. Sich den Schweiß von der Stirn wischend blickte sie sich um. Es war ein warmer Sommertag und gerade um die Mittagszeit. Henriette sah um sich herum ein Summen und Brummen und Krabbeln von hunderten Schmetterlingen und Fliegen und Käfern und Bienen und Grashüpfern und Spinnen und was nicht sonst noch alles.
„Ach, wie schön!“, dachte Henriette. „Hier ist es so wunderbar bunt und lebendig.“
Bevor sie sich hingesetzt hatte, hatte Henriette einige Zeit nur noch die Disteln, die hier wuchsen, gesehen und darauf geachtet, dass sie sich nicht kratzte oder daran stach. Nun fiel ihr wieder auf, dass die Sumpf-Kratzdisteln sehr schöne purpurrote Blüten hatten.
„Die Schmetterlinge sind auch so farbenfroh“, schwärmte sie. „Und erst die ganzen anderen Blütenpflanzen.“



Ferdinand Fischadler

Henriette wusste nicht von allen Pflanzen auf der Wiese den Namen. Vor allem kannte sie sich nicht mit den unterschiedlichen Grassorten aus. Sie staunte nur darüber, wie unterschiedlich die Blütenrispen der Gräser aussahen. Da gab es eine Grasart, deren Blütenrispe die Form und Buschigkeit von Friedas Fuchsschwanz hatte, jedoch ganz aufrecht und in grün und an der Spitze ein bisschen rosa. Andere Gräser hatten nur ganz spiddelige Blütenrispen wie ein Weihnachtsbaum an Ostern, ohne Tannennadeln und mit nur hier und da ein bisschen vergessener knubbeliger Weihnachtsdekoration. Und dann gab es diese Grassorte mit den dicken Knäueln, die sich so schlecht zwischen zwei Fingern vom Stängel abstreifen ließen. Manche rochen sehr gut, manche waren sehr hoch, andere sehr kurz. Bei dieser Vielfalt konnte Henriette einfach keinen Überblick behalten. Blumen fielen ihr da natürlich leichter. Im hohen Gras sitzend sah sie mit nur einem einzigen schnellen Blick in die Runde den allgegenwärtigen gelben Löwenzahn, den ebenso häufigen Weißklee, das zarte blassn rosafarbene Wiesen-Schaumkraut, die aufrechten Blütenstände des blauen Kriechenden Günsels und, Henriettes Lieblingsblume, die Kuckucks-Lichtnelke mit ihren roten flattrigen Blüten. Sie kannte auch Spitzwegerich, Fingerkraut und viele Pflanzen mehr, die hier wuchsen.
„Ein anderes Mal, wenn wir Ferdinand gefunden haben und es ihm wieder gut geht, komme ich nochmal hierher und pflücke mir einen riesengroßen Blumenstrauß. Was für eine schöne Wiese!“, dachte Henriette und erhob sich mit einem Seufzer.
„Weiter geht’s!“, sagte sie laut und setzte die Suche in ihrem Bereich fort.



Lasse Laubfrosch

Zur gleichen Zeit in einem anderen Teil der Wiese suchte Lasse Laubfrosch nach Ferdinand. Auch er durchstreifte systematisch seinen Suchquadranten, indem er immer hin und her lief. Er war ein wenig schneller vorangekommen als Henriette, denn in seinem Bereich der Wiese gab es weniger Disteln. Er hatte seinen Suchbereich am Waldrand. Der Wald war durch einen Bach von der Wiese getrennt. Lasses Marschrouten führten immer von den feuchten Bereichen am Bachufer etwas hinauf auf trockenere Wiesenbereiche. Hier am Bach gab es auch Sumpfdotterblumen, Mädesüß, Blutweiderich, Sumpf-Vergissmeinnicht und Hahnenfuß. Weiter oben fehlten diese Blumen. Darüber war Lasse auch ganz froh, denn gerade das Mädesüß bildete ein ganz ordentliches Dickicht, das ihm die Suche erschwerte. Man sah ja schlichtweg nichts darin.
Zwar wussten die Freunde, dass Ferdinand nicht am Rand der Wiese abgestürzt war. Aber da eine erste rasche Suche nach dem Chaosprinzip keinen Erfolg gebracht hatte, hatten sich die vier Freunde dazu entschlossen, dass jeder Quadratmeter der Wiese gründlich abgesucht werden sollte. Und es war ja auch denkbar, dass Ferdinand mit ihnen einen Scherz machte und in geduckter Haltung leise und klammheimlich zum Rand hin aus der Wiese herausschleichen würde. Lasse hielt es für sehr wahrscheinlich, dass Ferdinand genau dies zu tun vorhatte. Deshalb achtete er auf jedes Geräusch und passte auf wie ein Schießhund. Er hoffte, Ferdinands vorsichtiges Kriechen durch das dichte Gras zu hören und ihn dadurch schließlich erwischen zu können.
Aber Lasse fand jemand anderen. Obwohl er vorher von diesem Wesen kein einziges Geräusch vernommen hatte. Plötzlich stand Lasse vor einem Rehkitz, das sich im hohen Gras versteckt hielt und zusammengerollt zwischen Hornklee und Schafgarbe lag. Zuerst dachte Lasse, dass das noch sehr junge Kitz tot wäre. Es bewegte sich keinen Millimeter. Es zuckte nicht und zitterte nicht. Den Kopf hatte es unter seinen Bauch gesteckt, so dass Lasse nicht sehen konnte, ob es vielleicht blinzelte. Lasse hatte gehört, dass man Rehkitze, die sich auf diese Weise versteckt halten statt wegzulaufen, nicht anfassen soll, weil sich sonst wegen des fremden Geruchs vielleicht die Mutter nicht mehr um ihr Kitz kümmern würde. Lasse versuchte es also mit Reden und sagte vorsichtig: „Hallo?“
Nichts tat sich.



Schmetterling

„Ich brauche etwas zum Anstupsen!“, dachte Lasse.
Er suchte sich einen Stock, den er hier am Waldrand zum Glück nicht weit entfernt fand. Damit ging er zurück zum Rehkitz, das immer noch reglos im Gras lag, und näherte sich langsam an. Einen Sekundenbruchteil bevor Lasse mit seinem Stock das Rehkitz berührt hätte, sprang es plötzlich auf. Das Rehkitz rannte an Lasse vorbei in Richtung Wald und hielt erst am Bachufer kurz an. Es zögerte, ging einen zaghaften Schritt ins Wasser und hüpfte sofort wieder an Land. Dort sah es sich panisch um und wollte schauen, wie nah die vermeintlichen Verfolger schon wären.
„Ich bin nur ein Frosch!“, rief Lasse und winkte dem Reh mit seinem Stock zu.
Erst dann fiel ihm ein, dass man den Stock für eine Waffe halten konnte, und warf ihn in hohem Bogen von sich. Aber zu spät. Das Rehkitz hatte sich wieder umgedreht und rannte schon mit großen Sprüngen am Bachufer entlang davon.
„Na, eigentlich umso besser!“, brummte Lasse. „Besser das Rehkitz rennt einmal zu viel vor Gefahren weg, als dass es einmal zu lange liegen bleibt und von einem dieser schnellen Trecker übergemäht wird.“
Lasse setzte seine Suche nach Ferdinand fort, und nur wenige Schritte hatte er getan, als er schon wieder vor einem scheinbar schlafenden Rehkitz anhielt.
„Diese Wiese scheint ein gutes Zuhause für junge Rehe zu sein. Und wie es aussieht, wird hier auch nicht allzu bald gemäht. Ich kann das Kitz also genauso gut schlafen lassen. Wenn ich es wecke, läuft es sowieso nur weg, wie sein Zwilling“, dachte Lasse nach.
Er schlich leise um das Rehkitz herum und suchte weiter.
Lasse begegnete danach noch tausenden Insekten, die im Gras herum flatterten und schwirrten und krochen, sowie einer Feldmaus. Aber seinen Freund Ferdinand fand Lasse in seinem Suchbereich nicht.



Frieda Fuchs

Auch Frieda sollte Ferdinand nicht finden. Sie lief ebenfalls in ihrem Suchbereich vom Bach aus in die Wiese rein und ein paar Schritte weiter wieder hinunter zum Bach. Während sie suchte, rief Frieda ab und zu nach Ferdinand, weil sie glaubte, dass er vielleicht irgendwann antworten würde, wenn er nach seinem Absturz wieder zu Bewusstsein käme und in Not wäre. Aber sie war auch skeptisch, ob das alles nicht nur ein schlechter Scherz von Ferdinand war. Bei so einem Absturz verletzte sich Ferdinand eigentlich nie schlimm. Das kam nämlich tatsächlich öfter vor, weil Ferdinand einfach ein ganz schöner „Kamikaze-Flieger“ war. Oft machte er Sturzflüge und gab mit seinen Flugkünsten an. Dabei passierte ihm gelegentlich auch mal eine kleine Ungeschicklichkeit und Ferdinand hockte plötzlich am Boden. Frieda und die anderen Freunde lachten in diesem Moment immer über Ferdinand, weil er so dämlich aus der Wäsche guckte, so überrascht. Frieda wusste also, dass sich Ferdinand wahrscheinlich nicht sehr schlimm verletzt hatte.
Ebenso wusste sie, dass ihm vor dem Absturz nichts Schlimmes passiert war. Er war nicht etwa vom Himmel geschossen worden oder so etwas. Frieda hatte zufällig im richtigen Augenblick den Kopf gehoben und Ferdinand kurz vor und bei seinem Absturz beobachten können.
„Aber man kann nie wissen“, sagte sich Frieda. „Es ist besser, wir finden Ferdinand bald.“
Frieda kam richtig gut voran mit der Suche und war schon viel weiter als Henriette. Aber grob geschätzt auf dem letzten Viertel ihres Suchbereiches entdeckte sie auf der Wiese etwas, das sie einige Zeit beschäftigte und aufhielt.
Es war auf dem etwas feuchteren Teil der Wiese am Bach. Dort fühlte sich der Boden ein bisschen matschig unter den Füssen an. Während Frieda stetig weiter ihre Bahnen zog, um ihren Suchbereich zu durchstöbern, trat sie mit einem Mal auf eine offene Fläche. Erstaunt blickte sich Frieda um. Von der Wiese war hier auf einem beinahe kreisrunden Areal von einigen Metern Durchmesser kaum noch etwas zu erkennen. Alle Pflanzen waren kaputt getrampelt und der matschige Boden schien umgegraben und durchlöchert. An manchen Stellen sammelte sich das Wasser. Es war ein Bild der Verwüstung, ein einziger großer Morast aus Matsche, Wasser und zerstörten Pflanzen.
„Was ist denn hier passiert?“, fragte Frieda vor Erstaunen laut.
Zu ihrer Verwunderung antwortete aus der Wiese eine piepsige Stimme: „Wildschaden!“
„Wer ist da?“, fragte Frieda wieder laut.
„Ich!“, kam wieder eine kurze piepsige Antwort aus dem Gras.
„Wo bist du?“, versuchte es Frieda erneut.
„Na, hier!“
Diesmal hatte Frieda besser aufgepasst und wusste nun ungefähr, woher die Stimme kam. Es musste ein sehr kleines Wesen sein, der hellen, zarten Stimmlage nach zu urteilen.
„Wo?“, wiederholte Frieda.
„Auf dem Hornklee, meine Liebe!“, piepste die Stimme und gab noch einen weiteren Hinweis: „Die gelbe Schmetterlingsblütler-Blüte!“
„Ooh!“, staunte Frieda. Sie hatte die kleine Sprecherin entdeckt. „Ach, wie hübsch, ein Schmetterling auf einer Schmetterlingsblütler-Blüte!“
Frieda kicherte über dieses Wortspiel und die kleine Raupe auch. Der Scherz gefiel der kleinen Raupe wahrscheinlich besonders gut, weil sie ja erst noch ein hübscher Schmetterling werden wollte. Im Moment war sie noch ein kleines grünes und unersättliches Würmchen mit gelblichen Rallye-Streifen an den Seiten.
„Du bist aber gut versteckt im grünen Gras“, lobte Frieda.
„Ja, nicht wahr?“, meinte die kleine Raupe und strahlte. „Ich heiße Clarabella aus dem Ei, so habe ich mich selbst genannt, und das dort ist ein sogenannter Wildschaden, wie ich bereits sagte.“
„Was ist ein Wildschaden?“, fragte Frieda verdutzt.
„In diesem Fall waren es Wildschweine in Aktion“, erklärte Clarabella aus dem Ei. „Auf der Suche nach Würmern und Getier, nach Wurzeln und Eicheln und allem, was Wildschweine sonst noch so gerne essen, haben die mit ihren Rüsselnasen den Boden umgewühlt. Frühstück auf Wildschweinart sozusagen. Oder eigentlich eher ein Nachtmahl. Die kommen nämlich meistens nachts.“
„Das sieht ja aus, als hätte der Blitz eingeschlagen oder so!“, bemerkte Frieda.



Frieda Fuchs

„Ja, schon. Die Wildschweine kommen ja auch gleich mit der ganzen Großfamilie. Was sie nicht mit der Schnauze umdrehen, zertrampeln die Füße von ungefähr fünfzehn Wildschweinen. Sie suhlen sich auch gerne in der Matschepampe, weißt du? Naja, jedem das seine, sage ich immer“, schloss die kleine Raupe Clarabella weise.
„So eine richtige Schlammpackung, oder wie?“, fragte Frieda.
„Genau“, bestätigte Clarabella. „Ich hab mal einen von denen gefragt. Das soll angeblich gut für die Haut sein. Aber ich glaub, bei Raupen hilft das nicht.“
„Du weißt ja wirklich viel, obwohl du doch noch so klein bist. Wie kommt das?“, fragte Frieda.
„Es ist ganz schön was los auf so einer Wiese. Da trifft mal viele unterschiedliche Typen und hört eine Menge Geschichten. Hier ist immer etwas los. Der reinste Bahnhof, das kannst du mir glauben. Es ist natürlich auch viel Unsinn und Spökenkiekerei dabei, besonders wenn der alte Grigori Grashüpfer erzählt.“
„Kannst du mir dann vielleicht noch eine Frage beantworten? Kommt das hier, dieser Wildschaden, denn wieder in Ordnung?“, fragte Frieda besorgt.
„Ja, klar!“, quietschte Clarabella mit ihrer piepsigen Lache. „Die Pflanzen auf dieser Wiese sind so schnell nicht tot zu kriegen. Das Gras wird schon wieder wachsen. Es dauert nur ein bisschen. Gib der Wiese etwas Zeit und nächstes Jahr ist alles wieder bunt und fröhlich.“
Mit diesen Worten ließ sich Clarabella von der Hornklee-Blüte eine Wiesen-Etage tiefer auf ein Schafgarbe-Blatt fallen. Die kleine Raupe winkte noch einmal und verschwand im Grünen aus Friedas Blickfeld.
„Ich muss weiter. Tschüss, meine Liebe!“, hörte Frieda noch einmal die helle Stimme und die kleine Raupe war verschwunden.
Frieda rief der Raupe einen Abschiedsgruß hinterher und ging grübelnd wieder auf die Suche nach ihrem Freund Ferdinand.
„Wildschaden, so so…hm…Wildschaden, was für ein seltsamer Begriff! Das hat man ja noch nie gehört. Überhaupt, warum denn eigentlich Schaden? Das versteh‘ mal einer…“, murmelte Frieda noch eine ganze Weile vor sich hin.
Sie nahm sich schließlich vor, bei Gelegenheit mehr über Wildschweine lernen zu wollen. Wahrscheinlich war es besser, man wusste möglichst viel über diese ungestümen Großfamilien-Tiere. Bestimmt waren die nicht ganz ungefährlich, befürchtete Frieda. Bisher hatte sie Wildschweine immer für niedliche Plattnasen gehalten und ansonsten nicht viel Kontakt zu ihnen gehabt.
„Jedenfalls sind die bestimmt interessant“, sinnierte Frieda.



Ferdinand Fischadler

Zur gleichen Zeit war Igor Igel schon fast fertig mit der Suche in dem ihm zugeteilten Abschnitt. Er hatte sich für seinen Teil eine Suchstrategie überlegt, die ihn von außen immer weiter in die Mitte der Wiese führen musste. Er hatte keine Pause gemacht, nur im Gehen hier und da ein wenig Sauerampfer gepflückt und bei der Suche weggenascht. So war er bald in der Mitte und fand dort eine größere Fläche in der Wiese, die erst vor kurzem gemäht worden war. Tatsächlich hatte hier jemand seine Arbeit vor wenigen Augenblicken erst beendet. Oder vielmehr unterbrochen, denn sein Werkzeug hatte derjenige einfach auf der bereits gemähten Fläche liegengelassen. Es war eine Sense, die dort sorgfältig neben den trocknenden Grashaufen abgelegt worden war. Igor sah sich vorsichtig um.
„Der Bauer macht wohl eine kleine Pause. Der muss hier also irgendwo in der Nähe sein“, dachte Igor.
„Da will ich lieber schnell weitergehen“, sagte Igor laut im Selbstgespräch.
Aber wie schon bei Frieda, so fing auch mit Igor plötzlich jemand aus dem Wiesengrün zu reden an. Und dieser Jemand kannte sogar Igors Namen.
„Vor diesem Bauern braucht man keine Angst zu haben, Igor Igel!“, sagte die Stimme.
Es war eine Krähe, die zwischen dem abgeschnittenen Gras nach etwas Essbarem gesucht hatte und sich nun aufrichtete, so dass Igor ihn sehen konnte.
„Guten Tag, Herr Dr. Krähe! Dass ich Sie hier treffe, ist ja ein merkwürdiger Zufall“, grüßte Igor, der in der Krähe seinen alten Hausarzt Dr. med. vet. Krauchbert Krähe wiedererkannte.
„Ja, nicht wahr? Was für ein Zufall?“, sagte Dr. Krähe höflich. „Wie schon erwähnt, braucht man vor diesem Bauern nun wahrlich keine Angst zu haben. Ich suche mein Futter immer ganz nah dort, wo er gerade arbeitet und mäht. Da findet man die besten Stücke. Aber er hat noch nie auch nur versucht, mir etwas zu tun.“



Ferdinand Fischadler

Jetzt hob Dr. Krähe die Schwungfeder, die dort saß, wo andere einen Zeigefinger haben.
„Und auch an seiner Arbeitsweise kann man den rücksichtsvollen Menschen erkennen. Er mäht mit der Sense. Das machen ja heutzutage nur noch Ökos, wenn ich diesen flapsigen Ausdruck einmal verwenden darf. Früher war das übliche Praxis, aber heute mähen die Landwirte ja fast nur noch mit schnellen Treckern und das auch gleich dreimal im Jahr oder noch öfter.“
Igor nickte und hörte seinem Arzt aufmerksam zu. Dabei kaute er noch ein Blättchen Sauerampfer, hielt Dr. Krähe wortlos eins davon entgegen, um es ihm anzubieten, aber ebenso wortlos lehnte dieser mit einer Geste ab, ohne seinen Vortrag irgendwie zu unterbrechen.
„An dieser Wiese kann ein Fachmann gleich erkennen, dass hier anders gewirtschaftet wird. Dies wird extensiv genutzt. Nur ein oder zweimal im Jahr mit der Sense gemäht. Zudem fängt der Bauer mit dem Mähen auch noch in der Mitte der Wiese an, um den Tieren Zeit und Raum zu lassen, zur Seite hin vor ihm zu fliehen. Bei seinem Arbeitstempo allerdings eine überflüssige Maßnahme, würde ich meinen.“
Hier lachte Dr. Krähe ein klein bisschen spöttisch.
„Er ist ja nun wirklich nicht der schnellste mit der Sense und das ist auch heute schon seine dritte Pause. Bestimmt ist er eingeschlafen. Dort hinten unter dem Baum sitzt er. Vor dem muss nun wirklich keiner Angst haben.“
„Aber immerhin ein sehr rücksichtsvoller Mensch, wie Sie schon sagten, nicht wahr, Herr Doktor?“, bemerkte Igor.
Die Krähe, die jetzt offenbar meinte, genug Vorträge gehalten zu haben, nickte nur, brummte zustimmend und kramte in ihren Taschen nach einer Pfeife.
„Herr Doktor“, wechselte Igor das Thema, „es trifft sich sehr gut, dass ich Ihnen hier begegnet bin. Vielleicht braucht ein Freund Ihre Hilfe. Ferdinand Fischadler ist mitten in diese Wiese hinein abgestürzt und wir suchen ihn gerade. Wollen Sie sich bereit halten, falls er ärztliche Hilfe braucht?“
„Ferdinand Fischadler?“, wunderte sich Dr. Krähe. „Den kenne ich doch! Der übermütige Vogel ist auch ein Patient von mir. Und ich habe ihn vorhin hier herumschleichen sehen. Er ist in diese Richtung verschwunden, hielt sich ganz gebückt und tat sehr heimlich. Ich vermute, er treibt seine Späße und sitzt längst gemütlich zuhause.“
„Also hatte Lasse wirklich recht. Dieser olle Rabauke!“, ärgerte sich Igor. „Na, warte nur! Das zahlen wir dir heim, Ferdinand!“
Igor verabschiedete sich von Dr. Krähe und machte sich auf, die anderen drei Freunde zusammenzurufen, dass sie ihre Suche abbrechen konnten. Und dann wurde ein Plan ausgeheckt, wie man Ferdinand hereinlegen konnte. Denn dies war kein guter Scherz gewesen. Das fanden sie alle. Vor allem Henriette hatte sich richtig um ihren gefiederten Freund gesorgt. Sie sollte deshalb die Hauptrolle in dem kleinen Streich spielen, den sich vier kluge Köpfe nun inmitten einer konspirativen grünen Wiese ausdachten.

Ina Wosnitza
Naturschutz & Naturparke, Heft 232
Mitgliederzeitschrift des Vereins Naturschutzpark e.V. (VNP)
www.verein-naturschutzpark.de



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