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Teufelswerk und Schokolade


Lasse Laubfrosch

„Kann jetzt bitte mal jemand anders den Korb tragen?“, beschwerte sich Lasse Laubfrosch. Ihm standen an diesem warmen Frühlingstag schon Schweißperlen auf der Stirn.
„Uff!“, machte Ferdinand Fischadler, der Lasse zu Hilfe geeilt war, als er das Gewicht des Korbes übernahm. „Wir haben wirklich schon viele Ostereier gesammelt.“
„Aber noch lange nicht genug!“, rief ihnen von Weitem Henriette Hase zu. Sie hüpfte im hohen Gras und zwischen Gebüschen kreuz und quer hin und her auf der Suche nach noch mehr versteckten Schokoladeneiern. Frieda Fuchs stimmte ihr zu und bestätigte: „Süßigkeitenvorräte kann man nie zu viel anlegen. Dafür finde ich immer noch irgendwo Platz in meinem Bau.“
„Notfalls fliegt bei Frieda eben die Kücheneinrichtung raus. Wer braucht schließlich eine Küche, wenn man haufenweise Süßigkeiten ohne Kochen vertilgen kann?“, scherzte Nils Nachtpfauenauge und brachte Ferdinand noch ein Ei.
„Schade eigentlich, dass ich kein Kaninchen bin, sondern ein Hase!“, sagte Henriette. „Als Kaninchen hätte ich auch einen Bau zum Schoki bunkern.“
„Ja, das ist echt Mist“, meinte Igor Igel dazu. „In deiner kleinen Mulde…“, zögerte er und fragte schließlich: „Wie heißt das noch gleich richtig?“
„Sasse!“, brüllte Henriette herüber, die weit voraus gelaufen war. „Du kannst auch Henriettes Traumpalast dazu sagen. Aber nicht Mulde!“
„Ach ja, Sasse! Jedenfalls kann man in deiner Sasse nicht viel unterbringen“, stellte Igor fest.
„Henriette, wieso hast du eigentlich kein richtiges Zuhause?“, fragte Nils. „Bau dir doch auch einfach so eine Höhle wie Frieda oder wie die Kaninchen!“
Henriette kam zu den anderen zurück gehoppelt, ging direkt auf Nils zu und tippte ihm mit ihrem Zeigefinger einmal ganz leicht auf seine Nasenspitze. „Stups! Ich brauch kein Haus, du Naseweis!“, sagte sie neckisch. „Ich bin doch kein Weichei!“
Und schon war sie wieder weg.
„Also ich würde frieren, wenn ich das ganze Jahr über draußen wohnen müsste“, murmelte Nils betreten.



Frida Fuchs

„Ich auch“, antwortete Frieda beruhigend. „Mach dir nix draus. Jedes Tier ist anders. Hasen sind eben nicht wie wir und auch nicht wie Kaninchen, auch wenn Hasen und Kaninchen sich ähnlich sehen. Wenn man genau hinschaut, haben sie nicht viel gemeinsam.“
„Beide haben lange Ohren und kräftige Hinterbeine, aber der Hase ist viel größer als das Wildkaninchen“, erklärte Ferdinand.
„Und Hasen haben die längeren Ohren“, bemerkte Nils selbst.
Igor schaltete sich ein: „Die Fellfarbe und die Augen sind auch ganz unterschiedlich, wenn man es genau nimmt. Wildkaninchen sind einheitlich graubraun gefärbt und haben ganz dunkle Knopfaugen. Hasenfell wirkt viel bunter, weil der Bauch weiß ist und die Ohrenspitzen und der Schwanz schwarz sind. Und Hasenaugen sind viel heller, so dass man die dunkle Pupille in der Mitte deutlich erkennen kann.“
„Aber nicht nur im Aussehen unterscheidet sich Henriette von den Kaninchen“, ergänzte Frieda. „Henriette lebt im Grunde meist alleine und es macht ihr nichts aus, Einzelgängerin zu sein. Die Kaninchen leben ja in ihrem Bau in einer großen Familie alle zusammen.“
„Ich war mal zu Besuch bei Kevin Kaninchens Familie. Das ist eine riesige Kolonie!“, bestätigte Nils und nickte.
„Jetzt stell dir vor, Henriette würde einen Bau benötigen“, fuhr Frieda fort. „Dafür müsste sie alles alleine graben und sich später darum kümmern, dass der Bau heile bleibt. Dabei reicht ihr ihre Sasse. Da kann sie sich hineinkuscheln, um zu schlafen, und alles ist gut für sie. Warum sich also die Mühe machen einen Bau zu graben? Ich glaube, so sieht Henriette das.“
„Ich glaube, Henriette würde sich in einem Bau auch gar nicht wohlfühlen“, vermutete Lasse.
„Aber wie machen das Babyhasen? Sind die auch schon alleine unterwegs? Die sind doch bestimmt noch ganz klein und völlig wehrlos“, wunderte sich Nils.
Ferdinand konnte ihm seine Frage beantworten: „Hasen werden mit Fell und offenen Augen geboren. Man nennt sie Nestflüchter, weil sie ganz schnell alleine klar kommen. Die Hasenmutter kommt nur zweimal am Tag zum Säugen zu ihren Kleinen, die sich im Feld verstreut verstecken und ganz still auf sie warten, damit kein Feind sie finden kann.“
„Und wie ist das bei Kaninchen?“, fragte Nils.



Ferdinand Fischadler

Natürlich wusste Ferdinand diese Antwort auch: „Kaninchen werden im Bau geboren und sind zuerst nackt und blind. Weil sie recht lange Zeit im Bau bleiben, bis sie selbständig sind, nennt man sie Nesthocker.“
„Seid ihr immer noch beim Thema Kaninchenbau?“, fragte Henriette, die plötzlich wieder bei ihren Freunden stand und gleich fünf Ostereier in Ferdinands Sammelkorb legte. „Wenn euch die Kaninchen so beschäftigen, warum gehen wir dann nicht zu Kevins Kolonie? Ich glaube, da gibt es gerade wieder kleine Kaninchenbabys.“
„Oh!“, machte Frieda und klatschte in die Hände. „Die sind so niedlich und tollpatschig!“
Igor nickte: „Gute Idee! Frau Kaninchen lässt uns bestimmt mal kurz gucken.“
„Wir können ihr ein paar Schokoladeneier als Oster- und Babygeschenk mitbringen“, schlug Lasse vor. „Davon haben wir doch wirklich genug.“
„Wenn wir die alle aufessen würden, wären wir hinterher ziemlich dicke Moppel!“, lachte Ferdinand und versuchte den schweren Korb über seinen Kopf hochzustemmen.
„Komm“, sagte Igor, „ich helf dir tragen. Jeder auf eine Seite!“
Die beiden wollten sich gerade zum Gehen wenden, als Nils zu bedenken gab: „Nicht, dass am Ende keine Schokoladeneier mehr für uns übrig bleiben! Ihr wisst schon, wie viele Kaninchen da wohnen, oder?“
„Matlock hat bestimmt genug Schokolade für alle versteckt“, beruhigte Henriette, die seit ihrer Erfahrung im Erdinneren fest daran glaubte, dass der Schokoladenfabrikant Matlock Maulwurf zu Ostern überall auf der Welt gratis Schokoladeneier verstecken ließ.
Igor grinste heimlich hinter ihrem Rücken, als würde er es besser wissen, stimmte ihr dann aber zu: „Ich glaube auch, dass hier noch viel mehr Schokoladeneier versteckt sein müssen. Bisher war es doch ganz einfach. Die schweren Verstecke haben wir bestimmt noch gar nicht gefunden. Wir können ja nachher einfach nochmal weitersuchen.“
Damit waren alle einverstanden und sie machten sich auf den Weg zu der Kaninchenkolonie, in der auch ihr gemeinsamer Freund Kevin wohnte.
Als sie schließlich nach einer Weile dort ankamen, war es rundherum erstaunlich still. Kein einziges Kaninchen ließ sich außerhalb des Baus sehen, obwohl weit und breit kein Feind zu entdecken war.
„Meint ihr, die Kaninchen haben sich versteckt, weil sie Ferdinand und mich nicht erkannt und sich vor Fuchs und Greifvogel erschrocken haben?“, fragte Frieda betrübt.
„Glaub‘ ich nicht“, antwortete Ferdinand sofort. „Wann kommen schonmal Fuchs und Fischadler zusammen des Wegs? Nein, die hätten uns auf einen Blick erkannt und gewusst, dass man vor uns keine Angst haben muss. Nein, hier muss etwas Besonderes im Gange sein.“
„Hallo?“, rief Igor vorsichtig in einen Eingang des Kaninchenbaus hinein. „Ist jemand zuhause? Kevin, bist du da?“



Henriette Hase

Eine Weile tat sich daraufhin gar nichts und die sechs Freunde schauten sich besorgt an. Aber einen kurzen Augenblick später hörte man aus dem Inneren des Kaninchenbaus, dass sich schnelle Schritte näherten. Unvermittelt tauchte der Kopf eines jungen Kaninchens vor ihnen auf. Die Freunde zuckten überrascht zurück und riefen dann erleichtert und wie aus einem Munde: „Kevin!“
„Ja, gebongt! Kommt schnell rein, sonst verpasse ich noch das Beste!“, antwortete Kevin und trieb die sechs Freunde eilig vor sich her in den Kaninchenbau.
Die Freunde waren etwas perplex und schauten Kevin und sich gegenseitig verwundert an. Aber Kevin ließ sich nicht beirren und hoppelte ihnen nun rasch durch die engen Gänge voran, so dass die Freunde mit ihrem großen, schweren Korb fast Mühe hatten ihm zu folgen.
Im Gehen sprach Kevin: „Heute ist Gruseltag! Der alte Kalle gibt eben den Warzenbeißer. Das darf man nicht verpassen. Mann, ihr kommt gerade rechtzeitig! Hier geht heute richtig was ab!“
Kevin schien wirklich aus dem Häuschen zu sein und beschleunigte jetzt sogar noch einmal sein Tempo.
„Nicht so schnell, Kevin!“, rief Igor schließlich. „Wir kommen mit der vielen Schokolade gar nicht hinterher!“
Kevin blieb auf der Stelle stehen und wandte sich um. Er schien den Korb erst jetzt zu bemerken und drehte bei seinem Anblick noch mehr auf. Er warf beide Vorderpfoten in die Lüfte und jubelte: „Schokolade! Wie stark ist das denn?!“
Dann schnappte er sich den zuvorderst stehenden Igor, drückte ihm einen dicken, lauten Schmatzer aufs Ohr und drehte sich mit einem Hüpfer in der Luft wieder um. Im Losrennen rief er laut: „Wartet, Leute! Schokoladenpause!“
Damit verschwand Kevin hinter der nächsten Biegung und die Freunde blieben lachend zurück. Igor wischte sich erst einmal das Ohr trocken und zog dabei ein amüsiertes bis leicht angeekeltes Gesicht.
„Der Junge hat echt ‘ne Meise!“, bemerkte Ferdinand lachend und nahm den Korb wieder auf.
Die Freunde folgten Kevin in einem etwas gemächlicheren Tempo.
„Hoffentlich verlaufen wir uns nicht, ohne Kevins Hilfe!“, sagte Nils besorgt.
„Keine Angst, Nils!“, antwortete Lasse. „Der wird uns schon suchen, so scharf wie er auf unseren Korb hier ist.“
Zum Glück gab es in diesem Teil des Kaninchenbaus nur wenige Abzweigungen, so dass sie sich nicht verliefen. Sehr bald gelangten sie in eine große Kammer, in der hunderte Kaninchen versammelt waren.



Igor Igel

In dem Moment, als sie die Kammer betraten, riefen die Kaninchen „Hurra!“ oder „Herzlich Willkommen!“ aus allen Ecken. Es gab Sprechchöre vor allem von halbstarken Kaninchengruppen, die immerzu „Schoki, Schoki, Schoki!“ riefen, bis eine streng aussehende Kaninchendame sie zur Ruhe brachte. Kevin hatte also zumindest die Schokolade schon angekündigt. Ein alter Kaninchen-Opa hatte genau in der Mitte des Raumes auf einem Schemel gesessen, erhob sich nun und kam auf einen Krückstock gestützt auf sie zu.
„Nur hereinspaziert, meine lieben Freunde!“, begrüßte er sie. „Herzlich Willkommen! Macht es euch bequem.“
Damit wies er ihnen freie Plätze in der großen Runde, so dass sich die sechs Neuankömmlinge neben ihren Freund Kevin setzen konnten. Als sie saßen und schließlich Gelegenheit hatten, in die große Runde zu blicken, stellten sie fest, dass nicht nur Kaninchen da waren. Scheinbar hatten sich noch mehr Freunde der Familie eingefunden.
Bei den Halbstarken standen mehrere junge Eichhörnchen, und zwei Blaumeisen waren auch dabei. Eine scheinbar schon sehr betagte Rabenkrähe hatte sich an einen Tisch mit alten Damen gesetzt. Es war sogar eine Dachs-Mutter da, die sich dicht bei den Kaninchen-Müttern aufhielt, die nebenbei ihre Babys betüdelten. Die Dachs-Mutter hatte drei ihrer eigenen Kinder mitgebracht, die in einem großen Knäuel kleiner Kaninchen in einer Ecke des Raumes leise schnarchend schliefen.
Der Kaninchen-Opa mit dem Krückstock besah sich den mitgebrachten Korb voller Schokoladeneier, den nun wieder Lasse trug, und sprach Lasse schließlich mit ruhiger Stimme an: „Mein Urenkel Kevin hat behauptet, ihr hättet diese Schokolade für uns mitgebracht. Falls ihr die Schokolade wirklich mit dieser Rasselbande hier teilen wollt, wird davon nicht viel übrig bleiben, fürchte ich.“
Es war jetzt sehr still im Raum geworden. Alle Kaninchen wollten hören, was der Alte und Lasse miteinander besprachen.
„Überleg es dir gut!“, warnte der Alte und sah zuerst Lasse und dann die anderen fünf Freunde über den Rand seiner Brille fragend an.
„Greift ruhig alle zu!“, sagte Lasse daraufhin laut. „Wir haben genug Schokolade. Ich hoffe nur, es reicht für alle.“
Da fing die ganze Höhle voller Kaninchen wieder an zu rufen und freute sich. Der Alte aber beendete den Lärm mit einer einzigen Handbewegung und verkündete: „Wenn ihr es so wollt, dann sagen wir herzlichen Dank!“
Dabei verneigte sich der Alte mit etwas alterssteifen Knochen vor den sechs Freunden und fuhr dann aufrecht und mit lauter Stimme fort: „Und es wird gerecht geteilt, meine lieben Kinder!“
Er winkte eine Kaninchenfrau heran, die in seiner Nähe stand, und sagte zu Lasse: „Am besten nimmst du dir zuerst ein Stück, Freund Frosch, und gibst den Korb an deine Freunde weiter. Danach wird wohl Klara hier die Schokolade in mehrere Körbe und Schüsseln umfüllen. Damit geht das Verteilen schnell und leise voran, während ich mit meiner nächsten Geschichte beginne.“




So wurde es gemacht und bald saßen hunderte naschende Kaninchen in der Runde und lauschten auf die Geschichten des alten Kaninchen-Opas Kalle.
Lasse, Frieda, Igor, Nils, Ferdinand und Henriette staunten genau wie Kevin und viele andere Kaninchen, die die Geschichten wahrscheinlich schon mehrmals gehört hatten, wie spannend der alte Kalle erzählen konnte. Es wurde allen richtig gruselig zumute, als Kalle nun die Geschichte vom Teufelszwirn ausmalte, der als Vollschmarotzer von der Lebenskraft anderer Pflanzen lebte. Schon als kleiner Keimling suchte der Teufelszwirn sich eine Wirtspflanze und wand sich von da an wie ein dünner, roter Faden an Heidekraut, Ginster oder Thymian hinauf. Mit Saugfortsätzen drang der Teufelszwirn dabei in die Nährstoffbahnen der anderen Pflanze ein und saugte ihr die zum Wachstum nötigen Nährstoffe ab. Schließlich konnte der Teufelszwirn dank der Lebenskraft der anderen Pflanze sogar selber blühen, in vielen klitzekleinen rosafarbenen Blüten.
„Und wie, meine Lieben, lautet der richtige Name von diesem Taugenichts, dem Teufelszwirn?“, beendete Kalle seine Geschichte.
Scheinbar hatten wirklich viele Kaninchen die Geschichte schon gehört. Jedenfalls schnellten viele Kaninchenpfoten in die Höhe, die die Antwort geben wollten. Der Alte forderte eines der Eichhörnchen auf, das zu Gast war und sich auch gemeldet hatte, die Antwort zu nennen.
„Das ist die Quendel-Seide!“, sagte das Eichhörnchen, und daraufhin nickte Kalle anerkennend.
Als nächstes folgte eine Geschichte über zwei brutale Mörder. Der eine erschlug seine Opfer fliegend. Der andere mordete gleich neun Mal hintereinander. Sie beide spießten ihre Opfer jedoch auf lange Dornen auf und ließen sich reichlich Zeit damit, sie später in Ruhe zu verspeisen.
Nach den Namen dieser beiden Mörder gefragt, antworteten zwei kleine Kaninchenkinder, dass es sich um Raubwürger und Neuntöter handeln würde. Zwei Vogelarten, die Frieda kannte, aber vor denen man, wie sie wusste, in Wirklichkeit nur als Insekt, Maus oder kleiner Vogel Angst haben musste. In diesem Raum mussten sich also nur die beiden Blaumeisen wirklich vor den „Mördern“ in Acht nehmen.
Aber es ging beim Gruseltag wohl darum, sich einmal gründlich zu gruseln, und so erschauerte sogar die alte Krähendame vor den Mördervögeln, obwohl sie selbst viel größer als Raubwürger und Neuntöter war.
Ein Raunen ging durch die Reihen der Kaninchen, als der alte Kalle nun die letzte Geschichte ankündigte, scheinbar der krönende Abschluss. Es sollte dabei um den Teufelsabbiss gehen. Aber bevor Kalle mit seiner Gruselgeschichte begann, fragte er: „Einmal davon abgesehen, wie die Pflanze zu ihrem Namen gekommen ist: Wer kann uns sagen, warum der Teufelsabbiss eine besondere Pflanze ist?“
Wieder meldeten sich viele und Kalle rief diesmal Kevin auf. Kevin stand auf und berichtete, was er wusste: „Der Teufelsabbiss ist in diesem Jahr Blume des Jahres geworden, weil so viel von seinem Lebensraum verschwunden ist. Er wächst auf mageren, feuchten, warmen und offenen Standorten, wie es sie in mageren Feuchtwiesen, Mooren, Heiden und an Wegrändern gibt. Außerdem weiß ich noch, dass Teufelsabbiss hellblau, violett oder manchmal auch rosa blüht. Und dass seine Wurzeln und das Kraut als Heilmittel verwendet werden können.“
Als Kevin das letzte gesagt hatte, hörte man leise protestierendes Gemurre: „Nicht zu viel vorher verraten!“
Obwohl wohl alle ganz genau wussten, was sie erwartete, wollte scheinbar keiner, dass vorher schon zuviel aus der Geschichte erwähnt wurde, die nun folgen sollte. Die Spannung sollte noch ein bisschen bleiben.
„Du sagst es, Kevin“, stieg also Kalle nun ein. „Teufelsabbiss hat heilende Wirkung. Und das ist auch ein Grund, warum der Teufel die Pflanze nicht leiden kann. Schon im Mittalter wusste man, dass Teufelsabbiss bei Nierenschwäche und bei Bronchitis hilft. Außerdem reinigt er das Blut, so wird gesagt. Er kann bei vielerlei Leiden Abhilfe schaffen und das mochte der Teufel gar nicht. Der Teufel macht nämlich die Krankheiten und schickt sie allen Lebewesen auf der Erde. Aber der Teufelsabbiss, der damals natürlich noch nicht so hieß, kam ihm bei seinem Teufelswerk immer wieder in die Quere. Darüber war der Teufel so böse, dass er sich vor lauter Wut aus der Hölle hinauf Richtung Erdoberfläche grub und der Pflanze von unten die Wurzeln einfach abbiss. Der Teufel wollte, dass die Pflanze dadurch eingeht. Aber die Pflanze ging nicht ein. Die Wurzeln sehen nun zwar seltsam aus, eben als hätte jemand sie abgebissen, aber der Teufelsabbiss hat überlebt und wird heute noch in Arzneimitteln verwendet. Der Teufel hat also für dieses Mal verloren.“
Der alte Kalle beendete seine Geschichte und es war mucksmäuschenstill im Raum. Die Gruselatmosphäre war perfekt. Schließlich fragte ein sehr kleines Kaninchen mit großen Augen seine Mutter, auf deren Schoss es saß: „Gibt es den Teufel wirklich, Mama?“
Die Mutter schüttelte den Kopf und sagte leise tröstend: „Das ist nur eine Geschichte, Liebes. Du brauchst keine Angst zu haben. Du weißt doch, dass Kalle uns heute alle nur einmal gründlich erschrecken will.“
„Hier, nimm noch ein Stück Schokolade! Das hilft, wenn man sich ein bisschen zuviel gegruselt hat“, sagte Henriette und reichte dem kleinen Kaninchen noch ein Schokoladenei.
„Genau!“, sagte Kalle, klatschte die Pfoten auf die Knie und erhob sich schwer. „Jetzt noch eine Runde Schokolade für alle, würde ich sagen. Wo ist eigentlich mein Schokoladenei? Ich glaube, ich werde mal Nachschub aus den Vorratsräumen holen. Wer hilft mit beim Tragen?“
Viele eifrige Helfer sprangen ihm zur Seite und verschwanden mit den inzwischen leeren Körben in den Gängen des Kaninchenbaus. Der Gruseltag würde also mit reichlich Trost-Schokolade für alle ausklingen.
„Aber wir wollen doch jetzt erstmal die kleinen Kaninchenbabys angucken, nicht wahr?“, raunte Henriette ihren Freunden zu. „Schokolade können wir uns ja später noch mehr suchen. Matlock hat bestimmt noch einmal was nachgelegt.“ Es war eben ein Tag zum Gruseln und zum Träumen, fand Igor und hielt weiter seinen Mund zu dem Thema. Wenn die Häsin an einen Ostermaulwurf glauben wollte, wer war er denn, ihr diesen Traum mit der Realität kaputt zu machen?

Ina Wosnitza
Naturschutz & Naturparke, Heft 231
Mitgliederzeitschrift des Vereins Naturschutzpark e.V. (VNP)
www.verein-naturschutzpark.de



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