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Urlaub im Obersulzbachtal



Essen ist fertig!“, rief Igor Igel laut, als er mit einer großen Bratpfanne aus der Berghütte kam, gefolgt von Lasse Laubfrosch, der einen Stapel Teller hinterher trug. Igor hievte die Pfanne in die Mitte eines Steintisches, der vor der Hütte in der Sonne stand und an dem sich schon einige Hungrige versammelt hatten, Ferdinand Fischadler und Nils Nachtpfauenauge.
Sofort kam Henriette Hase vom Bach den Hügel hinauf gerannt, mit ihrer Freundin Frieda Fuchs und ihrem Onkel Helmut Hase im Schlepptau. Sich setzend seufzte sie: „Mmh, Bratkartoffeln! Das ist jetzt genau das richtige!“ Alle langten kräftig zu, denn sie hatten einen anstrengenden und aufregenden Tag in den Alpen hinter sich.
Helmut Hase, ein entfernter Verwandter von Henriette, hatte die Freunde eingeladen, einige Zeit im Obersulzbachtal im Nationalpark Hohe Tauern zu verbringen. Anders als Henriette war ihr „Onkel“ ein Schneehase, der im Winter sein braunes Fell gegen ein weißes eintauschte, mit dem er sich im Schnee besser verstecken konnte. Nur seine Ohrenspitzen blieben sommers wie winters schwarz.
Helmut Hase hatte auch für die Unterbringung der Freunde gesorgt. Sie übernachteten in einer schönen Hütte im Obersulzbachtal, in der sie sich selbst versorgten. Es gab nur wenig Strom von einer kleinen Solaranlage, die gerade für ein bisschen Licht am Abend reichte. Es gab keine Dusche, sondern einen Brunnen mit kaltem Wasser vor dem Haus, das auch zum Kühlen von Lebensmitteln ausreichen musste, weil es ja ohne Strom auch keinen Kühlschrank gab. Und außerdem gab es zum Kochen einen Holzherd, den Igor inzwischen ganz gut beherrschte.




„Mmh, lecker!“, lobte Frieda den Koch. Igor lächelte bescheiden und antwortete: „Ich glaube, jetzt hab ich es einigermaßen raus. Morgen werd‘ ich mal versuchen, einen Kuchen zu backen.“ „Wie wär’s mit Käsekuchen?“, schlug Nils vor. „Frieda und ich waren heute auf einer Alm, auf der man Käse kaufen konnte, den sie dort selbst herstellen. Ziegenkäse, aber auch normalen Kuhkäse.“ Igor grinste: „Käsekuchen macht man nicht mit Käse, Nils, sondern mit Quark. Aber Käsekuchen ist trotzdem eine gute Idee.“ „Habt ihr den Finkalm-Käse auch probiert?“, fragte der Schneehase Helmut, der sich vor Ort natürlich bestens auskannte und wusste, wo Frieda und Nils gewesen sein mussten. „Nein, leider nicht“, antwortete Nils. „Frieda war zu sehr damit beschäftigt, Murmeltiere zu beobachten.“
„Diiiieee sind süß, sag ich euch!“, rief Frieda aus. „Ich hab‘ mich zuerst total erschrocken. Wir wandern da so gemächlich durchs Nachbartal…“ „Untersulzbachtal“, warf Nils ein. „Ja, durchs Untersulzbachtal. Jedenfalls wandern wir da so friedlich lang und denken an nix Böses. Auf einmal pfeift es von der Wiese her! Ich hatte die Burschen vorher gar nicht gesehen. Und, zack, waren sie auch schon alle weg! Aber als sie gemerkt haben, dass wir nichts tun, sind sie bald wieder aus ihren Löchern herausgekommen. Ganz putzige Kerlchen! Die hätten dir auch gefallen, Henriette.“ „Und Igor auch. Die schlafen nämlich genauso viel wie du“, scherzte Nils. „Heute bin ich kein Stückchen zum Schlafen gekommen. Wir waren nämlich in Bramberg und zwar…“, begann Igor.
„Wart‘ mal, Igor! Ich muss noch was erzählen“, unterbrach ihn Nils. „Auf dieser Käsealm hatten sie nämlich auch Käse von den Kühen, die hier überall frei herumlaufen. Das soll wohl eine ganz spezielle Rasse sein. Pinzlauer oder so heißen die.“ „Pinz-gauer“, korrigierte ihn Helmut. „Pinzgauer Rinder! Die sind besonders klein und wendig und dadurch sehr gut geeignet, im Gebirge herumzuklettern und die Steilflächen und Almen zu beweiden.“ „Ja, und weil die Pinzgauer Kühe all‘ diese vielen verschiedenen Kräuter und Blumen auf den Almwiesen fressen und den ganzen Sommer draußen sind, schmeckt der Bergkäse hier auch so besonders“, berichtete Nils weiter. „Oh ja!“, schwärmte Henriette und zupfte ein wenig an den Blüten des Wiesenblumenstraußes herum, den sie für ihre Freunde gepflückt und in die Mitte des Abendbrottisches gestellt hatte. „Die Blumenwiesen hier sind wirklich total schön.“ „Dann sollten wir uns also unbedingt eine Kostprobe von dem Käse aus dieser Gegend beschaffen“, bemerkte Igor. „Den solltet ihr euch auf keinen Fall entgehen lassen!“, bestätigte auch Helmut.
„Aber was ich erzählen wollte“, begann Igor wieder. „Henriette und ich waren ja heute in Bramberg. Da gibt es ein Museum, in dem Kristalle, die man hier im Gestein finden kann, ausgestellt werden. Einen Kristall haben wir da gesehen, der sah ganz stachelig aus, wie ein Igel. Ich glaube, der hieß Epidot.“




„Ich fand den eher plüschig“, sagte Henriette. „Ob der Plüsch-Kristall jetzt ein Epidot war, weiß ich auch nicht mehr. Aber normal geformte Epidote sind echt schick. Das ist so ein dunkelgrüner Kristall aus diesen Tälern hier. Ein ganz schönes Grün. Ich hab mich gefragt, ob man davon wohl auch Ohrringe kriegen kann?“, fragte Henriette in die Runde. Das wusste keiner zu beantworten und Henriette beschloss bei nächster Gelegenheit in Neukirchen einen Juwelier aufzusuchen. „Jedenfalls“, schaltete sich Igor wieder ein und griff dabei in seine Hosentasche, „habe ich auf dem Rückweg diesen tollen Stein gefunden. Der lag direkt neben der Straße. Guckt mal!“ Igor legte den Stein auf den Tisch und die Freunde beugten sich darüber, um ihn genauer betrachten zu können. „Ist der nicht schön?“, fragte Henriette. Igors Schatz war glatt, flach, hellgrau und glitzerte und funkelte überall. Er sah ein wenig splittrig aus, als könnten Schichten davon abspringen, wenn man nicht richtig aufpasste. Die Freunde staunten. Alle außer Helmut natürlich, der die Steine seiner Heimat ja schon tausend Mal gesehen hatte.

„Und was habt ihr heute so gemacht?“, fragte Igor schließlich an Ferdinand und Lasse gewandt und steckte seinen Stein vorsichtig wieder ein. Ferdinand fing sogleich an zu berichten: „Wir waren heute auf der anderen Talseite der Salzach am Wildkogel. Paragliding! Total geil! Oder, Lasse?“
So wie Ferdinand feixte, konnten sich die anderen schon denken, dass Lasse nicht ganz seiner Meinung war. Lasses Gesichtsausdruck bestätigt diesen Verdacht, als er antwortete: „Geschmackssache! Ich wollte auf dem Wildkogel ja eigentlich nur mal gucken, wie das mit Skifahren aussieht.“ „Im Sommer?“, fragte Ferdinand. „War doch logisch, dass das nichts wird! Das geht wohl nur auf einem Gletscher, wo immer Schnee und Eis liegen.“ „Weiß ich. Aber ich wollte doch mal sehen, wie so eine Skipiste im Sommer aussieht. Und kaum sind wir da, schleppt dieser Irre“, sagte Lasse auf Ferdinand deutend, „mich zu den Paraglidern hinüber und, eh ich’s mich verseh‘, hänge ich auch schon an ein paar dünnen Fäden in der Luft!“ Er war sichtlich entsetzt, aber er hatte Ferdinand die Aktion scheinbar schon halb verziehen. Lasses Höhenangst war allseits bekannt. „Das nennt man Schocktherapie, mein Freund!“, lachte Ferdinand.
„Was ist denn dieses Para..., Paradings?“, fragte Frieda neugierig. „Gleitschirmfliegen!“, übersetzte Ferdinand begeistert und gestikulierte wild herum. „Da läuft man mit einer Art Fallschirm gegen den Wind einen Berghang hinunter, bis der Wind einen hochhebt, und dann segelt man langsam ins Tal. Man kann auch lenken, bremsen und beschleunigen und tolle Manöver machen. Eigentlich fast wie fliegen“, erklärte Ferdinand. „Nur gut, dass Ferdinand die ganze Zeit in der Nähe neben uns geflogen ist, sonst hätte ich mir bestimmt vor Angst in die Hosen gemacht. Ich hab‘ den ganzen Flug über darüber gedacht, ob er mich wohl auffangen würde, wenn die Fäden reißen oder plötzlich Löcher im Fallschirm entstehen sollten“, meinte Lasse. „Klar! Und du hingst ja auch nicht alleine am Gleitschirm“, beruhigte Ferdinand bestimmt nicht zum ersten Mal. „Das war natürlich ein Tandemflug“, erklärte er an die Freunde gewandt und zog eine Digitalkamera hervor. „Wollt ihr mal sehen? Ich hab Fotos gemacht.“


Henriette schüttelte nur den Kopf über Ferdinands Abenteuerlust und wechselte das Thema: „Ich dachte, dass solche Sportarten wie Skifahren und dieses Gleitschirmfliegen im Nationalpark verboten sind.“ Fragend guckte sie ihren Onkel Helmut an, der antwortete: „Ja, stimmt. Im Nationalpark muss man sich an einige Regeln halten. Aber der Wildkogel liegt außerhalb des Nationalparks. Wir sind hier so ziemlich an der nördlichen Schutzgebietsgrenze.“

„Was gibt es denn für Regeln?“, fragte Nils vorsichtig. Er hoffte insgeheim, dass er nicht aus Unwissenheit schon jede Menge Fehler gemacht hatte. „Viele Regeln sind zugleich auch für die eigene Sicherheit gut. Man darf zum Beispiel nicht die Wege verlassen und einfach querfeldein laufen“, zählte Helmut auf. Henriette ergänzte: „Aber manche Pfade sind so schmal, unwegsam oder wenig begangen, dass man sie kaum als Wege erkennt. Zum Glück liegen da überall diese Steinhaufen, die den Weg markieren, sonst würde man sich verlaufen.“ Helmut nickte und fuhr fort: „Natürlich darf man auch Müll nicht einfach in die Landschaft werfen. Es ist besser, man nimmt den Müll wieder mit ins Tal, weil die Müllabfuhr auf den Almen recht aufwendig ist. Man muss Hunde anleinen, damit sie nicht die Wildtiere stören. Blumen pflücken und Insekten oder Mineralien sammeln ist im Prinzip auch verboten. Nur für Forschungszwecke gibt es natürlich Ausnahmegenehmigungen.“
„Insekten sammeln?“, rief Nils entrüstet. „Macht ja keiner“, beruhigte Henriette ihn schnell. „Das ist doch hier verboten!“ Nils Nachtpfauenauge, das einzige Insekt unter den Freunden, war vor Schreck ziemlich zusammengezuckt. Bisher hatte er sich im Obersulzbachtal sicher gefühlt. Henriette war es natürlich wichtig, dass das auch so blieb, denn sie wollte im nächsten Jahr am liebsten wieder herkommen.

„Zu guter Letzt sind Campen und Feuer machen in freier Natur verboten“, endete Helmut. „Übrigens nochmal zur Sicherheit: Es ist wichtig, dass jeder gutes Schuhwerk, wetterfeste Kleidung und auch im Sommer immer eine warme Mütze und Handschuhe dabei hat. Das Wetter kann sich hier schnell ändern. Man sollte immer den Wetterbericht abfragen, bevor man zu einer Tour aufbricht.“ „Das haben wir ja heute Morgen auch brav gemacht, bevor wir über die Bettlerscharte ins Untersulzbachtal geklettert sind. Nicht wahr, Nils?“, sagte Frieda. „Jip! Das war wirklich eine ganz schön anstrengende Tour“, erzählte Nils.

„Apropos klettern: Habt ihr dort oben eigentlich auch Steinböcke gesehen?“, wollte Henriette wissen. Frieda und Nils schüttelten den Kopf. „Nö“, machte Nils. „Aber die gibt es doch hier, oder? Onkel Helmut?“, bohrte Henriette weiter.
„Ja, inzwischen gibt es den Steinbock hier wieder, nachdem er Anfang des 19. Jahrhunderts in den Alpen fast ausgestorben war. Es gab damals nur noch 100 Tiere, in Italien. Früher hat man nämlich fast alle verwertbaren Teile von Steinböcken für Medizin bzw. für allerlei Wunderheilmittelchen verwendet. Heute haben wir wieder Steinböcke in unseren Tälern. Wir können morgen ja mal versuchen, welche zu finden, wenn es euch recht ist?“, schlug Helmut vor. Damit waren alle einverstanden und freuten sich schon auf die morgige Tour.




„Au ja!“, rief Henriette. „Steinböcke sind so tolle Kletterer und so imposant mit ihren riesigen Geweihen!“ „Das sind keine Geweihe, sondern Hörner“, widersprach Frieda. Aber Henriette wehrte ab: „Ist doch dasselbe!“ „Nein, gar nicht“, schaltete sich auch Ferdinand ein. „Hörner sind, wie der Name schon sagt, aus Horn. So wie Hufe, Fingernägel und Haare auch. Geweihe sind aus Knochen.“ „Genau“, sagte Frieda. „Und außerdem wachsen Hörner ein Leben lang ständig weiter und werden nicht abgeworfen. Geweihe werden jedes Jahr abgeworfen und wachsen wieder neu.“ „Das ist genau richtig“, meldete sich Helmut zu Wort. „Deswegen kann man an der Länge seiner Hörne auch das Alter eines Steinbocks abschätzen. Da kommt jedes Jahr ein Stück dazu. Wie die Jahresringe bei einem Baum.“

„Jedenfalls führen die Steinböcke ja ein ziemlich riskantes Leben in den Bergen, finde ich. Was da alles passieren kann, wenn die bloß einmal nicht richtig aufpassen!“, steuerte Lasse bei. „Steinschlag und Erdrutsche, wenn das Eis im Boden im Sommer schmilzt und der ganze Hang plötzlich ins Rutschen kommt. Das ist schon eine ganz schön wilde Landschaft hier. Gletscher, Wildbäche und Wasserfälle!“ „Wild-romantisch meinst du wohl?! Ich find’s sooo schön!“, wandte Henriette schwärmerisch ein. „Ja, ja, du mal wieder! Die Blümchen auf der Almwiese und das rauschende Bächlein mit dem Brückchen drüber. Unser Träumerle!“, neckte Ferdinand.
„Warum ist das Wasser in den Bächen eigentlich an manchen Stellen so trüb, Helmut? Das kann doch im Nationalpark eigentlich kein Dreck sein, oder?“, fragte Frieda. „Das ist Gletschermilch“, antwortete Helmut.

„Kann man daraus auch Käse machen?“, scherzte Nils schlagfertig und alle prusteten vor Lachen. Helmut musste auch grinsen und erklärte dann weiter: „Die Trübung entsteht, weil vom Gletscher fein zerriebenes Gestein mit dem Wasser ins Tal geschwemmt wird.“
„Also einen Gletscher will ich auch noch aus der Nähe sehen, wo wir schon einmal hier sind. Was meint ihr?“, fragte Frieda. Alle nickten eifrig. „Auf jeden Fall!“, meinte sogar der ansonsten eher bequeme Igor. „Das lässt sich alles einrichten, solange ihr fit genug dafür seid. Passt scho‘!“, sagte Helmut.


„Na, dann lasst uns doch erstmal die Tour für morgen planen. Das heißt, wenn alle mit dem Essen fertig sind“, schlug Lasse vor. „Wer ist heute an der Reihe mit dem Spüldienst? Igor und ich haben gekocht…“ „Ich“, gab Henriette seufzend zu und erhob sich schwerfällig. „Morgen hab ich bestimmt Muskelkater!“ „Komm, ich helf‘ dir das Geschirr hinein zu tragen!“, sagte Frieda hilfsbereit und sprang auf. „Und dann bring ich die Wanderkarte gleich mit raus. Gucken wir mal, wo’s morgen hingehen soll!“



Quelle:
Ina Wosnitza
Naturschutz & Naturparke, Heft 226
Mitgliederzeitschrift des Vereins Naturschutzpark e.V. (VNP)
www.verein-naturschutzpark.de



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