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Freunde im Winterstreß


Frieda FuchsFrieda Fuchs

Frieda Fuchs war ganz schön im Stress: In der Dämmerung war sie schon an den Bach gegangen, um dort vom Fischotter, dem besten Fischer weit und breit, frischen Fisch zu holen. Zum Glück hatte es auch Barsch gegeben. Frieda wusste, dass Ferdinand Barsch am liebsten aß. Ferdinand Fischadler war aber nur einer ihrer Gäste, die sie zum Mittagessen eingeladen hatte. Igor Igel, Henriette Hase und Lasse Laubfrosch sollten auch zu Besuch kommen. Von denen aß aber niemand besonders gerne Fisch.
Für Lasse hatte sie Fliegen und Käfer gefunden. Frieda bewahrte die lebenden Insekten bis zum Essen in einem Gefäß mit Deckel auf. Zwischendurch musste sie immer wieder ein paar Käferbeine in den Behälter zurückschieben. Für Henriettes Mittagessen hatte sie lange auf der Wiese die schönsten Gräser und Kräuter unter dem Schnee gesucht.



Henriette HaseHenriette Hase

Henriette war Friedas beste Freundin, obwohl sie sich ganz unterschiedlich ernährten. Eigentlich gehörte Henriette nämlich auf Friedas Speiseplan. Aber Freunde essen sich ja nicht gegenseitig. Und Frieda aß Mäuse sowieso schon immer am liebsten.
Da fiel ihr ein, dass sie an sich selbst noch gar nicht gedacht hatte. Schnell lief sie durch die Gänge in ihrem Bau zur Speisekammer und holte ihr eigenes Mittagessen. Im Kopf ging sie noch mal ihre vier Freunde durch und überprüfte, ob sie alles hatte. Fisch für Ferdinand. Grünzeug für Henriette. Insekten für Lasse. Würmer für Igor Igel. Igor war in letzter Zeit noch müder als sonst und auch noch verfressener. Ihr kugelrunder Freund würde wahrscheinlich auch zu ein paar zusätzlichen Würmern nicht nein sagen.


Frieda drehte sich also noch mal um, griff noch einmal beherzt in die Speisekammer und holte etwas mehr für Igor heraus. Sie machte sich wieder auf den Weg durch ihren Fuchsbau, legte die Mäuse und Würmer zwischen Igors und ihren eigenen Platz und trat dann einen Schritt zurück. Fertig! Für so viele unterschiedliche Freunde Mittag zu machen, war gar nicht so leicht.
Jetzt hatte Frieda sogar noch Zeit, um alles etwas winterlich zu dekorieren. Nur ihr fiel nicht ein, wie sie das machen konnte. Grübelnd ging Frieda nach draußen und schaute sich vom Eingang ihres Baus aus um. Alles war weiß. Die Bäume waren kahl. Sollte sie ein paar Äste reinholen? Nein, kahle Äste waren keine gute Dekoration. Zuwenig Farbe!
Als sich Frieda umdrehte, um zurück in ihren Bau zu schlüpfen, fiel ihr Blick auf den Hügel über ihrem Eingang. Rot und grün war es da oben. Dort stand ein Stechpalmenbusch mit stacheligen, grünen Blättern und knallroten Beeren. Mit einem Sprung war sie oben und langte vorsichtig in die Äste, um sich an den Stacheln nicht zu pieksen. Ein paar Zweige dürften genügen. Frieda hatte sie schnell abgepflückt und schon war sie wieder drinnen und dekorierte.



Lasse Laubfrosch

Sie musste gar nicht mehr lange warten, da kam Henriette als erste. Fuchs und Hase begrüßten sich und hatten gleich viel zu besprechen. Henriette hatte ihre Haare anders frisiert als sonst.
Die beiden Freundinnen kamen so sehr ins Plaudern, dass sie erst eine halbe Stunde später bemerkten, dass die anderen noch immer nicht kamen. Henriette merkte es schließlich zuerst: „Zu spät zu kommen, das sieht den dreien gar nicht ähnlich.“ Aber Frieda war sich sicher, dass sie den dreien auch eine Einladung geschickt hatte. Da es sonniges Winterwetter war, beschlossen sie den drei Freunden entgegenzugehen oder sie notfalls daran zu erinnern, dass sie gerade eine Einladung zum Mittagessen versäumten. „Zuerst gehen wir zu Ferdinand. Der wohnt am nächsten dran. Dann weiter zu Igor und dann zu Lasse.“


Also marschierten die beiden schwatzend los, hinüber zu dem Baum, in dem Ferdinand seinen Adlerhorst gebaut hatte. Von unten am Boden konnten die beiden zwar in Ferdinands Horst nicht hineinsehen, aber er antwortete nicht auf ihr Rufen. Sie riefen so lange, bis die Nachbarn, ein Amselpaar, ganz genervt waren und hinaufflogen, um nachzusehen. „Er ist nicht da. Der Horst ist leer. Und überhaupt, sollten Hasen sich nicht lieber vor Adlern in Acht nehmen“, schimpften die Amseln. Frieda und Henriette bedankten und entschuldigten sich für den Lärm. Henriette grinste dabei ein bisschen. Anderen zu erklären, dass Ferdinand und Henriette Freunde waren, das hatten sie längst aufgegeben.
Frieda harkte sie unter und weiter ging’s: „Bestimmt ist Ferdinand zu einem der anderen gegangen, damit sie zusammen zu mir gehen können. Und dann haben sie sich bestimmt festgequatscht. So war es bestimmt.“
Frieda hatte Igor in Verdacht: „Der ist ja sowieso so eine Trantüte.“ Henriette meinte aber, Lasse sei auch ziemlich langsam gewesen in letzter Zeit. Aber als die zwei dann bei Igors Blätterhaufen angekommen waren, fanden sie Igor allein dort. Von Lasse oder Ferdinand keine Spur. Und Igor schnarchte langsam vor sich hin. „Typisch“, sagten Frieda und Henriette beide gleichzeitig und versuchten Igor zu wecken, ohne sich an seinen Stacheln zu pieksen. Aber alles Rufen und Rütteln und Drücken nützte nichts. Igor öffnete nicht mal die Augen.





Da fing plötzlich jemand an, lautstark über sie zu schimpfen. Eine Blaumeise saß stinkwütend auf einem Ast über Igors Blätterhaufen. Frieda und Henriette konnten gar nicht verstehen, was die Blaumeise sagte, so wütend brabbelte sie herum. Nur ein paar Worte konnten sie heraushören: „Winterschlaf“ und „Mai“. „Liebe Meise, haben wir das richtig verstanden? Der schläfrige Igel will jetzt bis in den Mai hinein durchschlafen? Das kann doch gar nicht sein. Da muss er doch verhungern“, traute sich endlich Henriette zu fragen. Bis Mai waren es bestimmt noch 4 Monate. Da erklärte die Blaumeise, endlich wieder etwas ruhiger, dass Igor Winterschlaf hielt, dass er sich vorher ja rund gefuttert hätte und dass er nur sehr wenig Energie verbrauchen würde, solange man ihn nur in Ruhe schlafen lies. „Ab und zu kann es zwar passieren, dass er von sich aus aufwacht. Aber da das ja offensichtlich heute nicht der Fall ist, macht ihr beiden Störenfriede euch am besten schleunigst wieder davon.“


Das ließen sich Frieda und Henriette nicht zweimal sagen. Wieder mussten sie sich entschuldigen, diesmal weil sie so ahnungslos gewesen waren, den Igel im Winterschlaf zu stören. Als die beiden sich auf den Weg zu Lasse machten, stellten sie enttäuscht fest, dass sie jetzt ganz lange nicht mit ihrem Freund Igor spielen und reden konnten. Die Freundinnen waren darüber ein bisschen traurig.
Bis sie bei Lasses Wurzelhöhle angekommen waren, hatten sie sich aber wieder gegenseitig getröstet. Sie konnten Lasse in seiner Höhle zuerst gar nicht finden. Sie dachten schon, er wäre auch nicht zuhause. Da entdeckte Henriette den halb eingegrabenen Laubfrosch. Er war ganz starr und schien auch zu schlafen. Kalt war Lasse ja öfter. Sie hatten deshalb gar keine Angst, er könne tot sein. „Er schläft auch seinen Winterschlaf“, sagte Henriette, als die zwei die Höhle wieder verließen. „Dann müssen wir auf Lasse wohl auch bis zum Frühjahr verzichten“, ergänzte Frieda.
Als sie auf ihrem Rückweg wieder bei der Blaumeise im Geäst vorbeikamen, erzählten sie ihr davon. Aber die Blaumeise schüttelte den Kopf und sagte: „Das ist etwas anderes. Laubfrösche sind im Winter in einer Winterstarre. Das nennt man so bei Tieren wie Fröschen, Kröten, Eidechsen, Schlangen und manchen Insekten, die ihre Körpertemperatur nicht selbst anpassen können durch Zittern oder Schwitzen.“ Frieda zählte nun eins und eins zusammen und meinte: „Dann ist unser Freund Ferdinand, der Fischadler, ja sicher auch in der Winterstarre.“ Aber Henriette war anderer Meinung: „Nein, Ferdinand hält wahrscheinlich eher Winterschlaf.“ Aber die Blaumeise wollte jetzt noch ein bisschen angeben. Sie sagte stolz: „Ja, vielleicht. Er kann aber auch in Winterruhe sein. Das halte ich selbst für am wahrscheinlichsten. Dann wacht er nämlich öfter mal aus seinem Dämmerschlaf auf. Und so kann er dann nicht vom Baum fallen.“ Das schien Frieda etwas seltsam. Ferdinand war noch nie vom Baum gefallen. Er hatte sogar einmal gesagt, dass könne ihm nie passieren. Sie sagte aber lieber nichts, denn die Blaumeise schien ganz schön schlau zu sein.
Traurig, dass sie nun so viele Monate nichts von Lasse, Igor und Ferdinand hören würden, gingen Frieda und Henriette nun endlich zu ihrem Mittagessen zurück. So frustriert wie Frieda war, aß sie sogar die Extraportion für Igor gleich mit auf. Henriette bemerkte, dass Frieda ganz schön viel aß. Ein bisschen ängstlich sagte sie: „Frieda, wenn du dir jetzt soviel Fett anfutterst, fällst du vielleicht auch bald in den Winterschlaf.“ Aber Frieda beruhigte sie: „Das ist bei mir noch nie vorgekommen. Ich bin jeden Winter wach gewesen.“ Henriette hatte auch noch nie monatelang verschlafen. Das beruhigte die beiden ein bisschen und sie wurden wieder fröhlicher. Frieda betrachtete jetzt das Ganze von der guten Seite: „Immerhin haben wir uns gegenseitig den ganzen Winter über. So können wir auch endlich einmal ausgiebig über Mädchensachen quatschen, solange die Jungs überwintern.“



Ferdinand FischadlerFerdinand Fischadler

Als nun Frieda die letzten Mäuse nahm und aß, fand sie unter ihrem Mäusehaufen überrascht eine Postkarte: „Während wir unterwegs waren, war scheinbar der Postbote da.“ „Das ist eine ausländische Briefmarke“, fiel es Henriette, die Briefmarken leidenschaftlich gerne sammelte, sofort auf. „Die Post kommt aus Gambia in Afrika“, meinte sie.
Frieda war erstaunt: „Wer schreibt mir denn aus Gambia?“ Schnell steckten die beiden die Köpfe zusammen und lasen. „Ferdinand!“ Er schrieb, er sei in Gambia über Winter und habe schon sehr viel gesehen. Jetzt sei er etwas müde, weil er nämlich 45 Tage fliegen musste, um sein Winterquartier zu erreichen. Im Frühling wäre er wieder da und schöne Grüße an alle Freunde, die noch wach seien.
Die beiden Freundinnen schauten sich verwundert an. Ferdinand hatte also scheinbar auch gewusst, dass Lasse und Igor den Winter verschlafen würden. Ganz schön klug.
Frieda und Henriette schauten sich noch lange die Postkarte aus Afrika an. Später am Nachmittag fing Frieda dann damit an, Ferdinand eine Antwortpostkarte zu schreiben. Und Henriette fing an, ein Tagebuch vom Winter zu schreiben - für die Freunde, die den Winter nicht miterleben konnten.


Ina Wosnitza
Naturschutz & Naturparke, Heft 215
Die Mitgliederzeitschrift des
Vereins Naturschutzpark e.V. (VNP)
www.verein-naturschutzpark.de



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